Die Zeit ist gekommen

Sein Versteck war ein kleiner Kellerraum in einem mittelständischen Wohnviertel. Hier gab es alles. Mehrfamilienbunker mit Balkon zum begrünten Innenhof, auf denen das Kindergeschrei in ihrer Ausbreitung nach oben durch vereinzelte Laubbäume gedämpft wurde, aber auch prunkvolle Einfamilienpaläste, dessen artenreiner 6 mm englischer Rasen durch feinkiesbeschichtete Einfahrten durchschnitten war.
Lange hatte er auf diesen Moment gewartet. Genau ein Jahr musste er seinen Plan zurückhalten, bis endlich seine Zeit kam. Akribisch betrachtete er sein Baby. Es glänzte ihn erwartend an. Es schien, als freue es sich genau so wie sein Besitzer auf den bevorstehenden Einsatz. Der schwarze Lauf glänzte im Schein der alten Bürolampe, die er nach seiner Frühpensionierung in seinem Kellerraum an der Werkbank befestigt hatte. Alles war bereit. Bereit für den Einsatz. Er öffnete die Kellertür, schritt die 4 Stufen hinauf Richtung Innenhof. Schaute kurz rechts und links und bemerkte nur zwei junge Mütter, die Obacht auf ihre 4 spielenden Kinder gaben. Sowie die üblichen 4-5 Rentner, teilweise mit Rollatoren mobil gehalten, die sehnsüchtig auf das Mittagessen warteten, welches den tristen Tagesablauf immer wieder erfreulich unterbrach. Er schaute nach oben. Die Sonne stand gut. Der Wind stellte sich nach kurzer Prüfung als kooperativ dar. Er machte sein Baby scharf. Auf seinem Walkman startete Wagners „Ritt der Walküre“. Seine Gegner lagen noch nichtsahnend im Innenhof. Ein kurzer Druck auf den elektrischen Starter liess den größten in Deutschland erhältlichen Laubbläser starten und mit einem Lärm, der sonst nur durch Formel 1 Starts übertroffen wird, wurde Stück für Stück der Grünfläche wieder sichtbar, da sich das Laub erfürchtig in eine Häuserecke versammelte. Er wusste genau, er hatte Verbündete im ganzen Land, die sehnsüchtig darauf gewartet haben, dass die Bäume endlich wieder ihr Laub verlieren. Damit sie es beseitigen können. Und das mit möglichst viel Lärm. Ohrenbetäubenden Lärm. Hausmeisterehre.

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